Pflegen und Betreuen ohne Fixierungen

Freiheitseinschränkende Maßnahmen (FEM) oder auch Fixierungen genannt, gehören schon lange nicht mehr in den Alltag der Pflege im St. Anna-Stift!

Nachdem das Interview mit dem Gerontologen und Juristen Dr. Thomas Klie „Menschen nicht als Sicherheitsobjekte behandeln“ in der letzten Ausgabe der Fachzeitschrift „Altenheim“ erschienen ist, möchten Mitarbeiter des St. Anna-Stifts über die letzten drei Jahre berichten, in denen man sich für eine Pflege und Betreuung der Bewohner ohne FEM einsetzte. Die Darstellung von Thomas Klie ließ den Eindruck erwecken, dass Senioren um eine Fixierung im Pflegeheim nicht umher kommen...

Dem stimmen wir nicht zu! Angefangen hatte alles mit dem Projekt der Universität Witten Herdecke im Jahr 2009.
Die Universität hatte in Kooperation mit der Universität Hamburg eine Leitlinie zur Vermeidung von FEM entwickelt, welche in verschiedenen Pflegeeinrichtungen untersucht werden sollte.
Mit Teilnahme an dieser Untersuchung standen im St. Anna-Stift Mitarbeiterschulungen auf dem Plan, sowie zwei unangekündigte Prävalenzerhebungen aller FEM an Bewohnern durch wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität. Die erste Erhebung fand vor der Mitarbeiterschulung statt, die zweite zu einem späteren Zeitpunkt.
„In den Schulungen wurde eine Praxisleitlinie vorgestellt, die die Mitarbeiter sensibilisierte, sich über im Alltag übliche FEM Gedanken zu machen“, erinnert sich Irene Panusch, stellvertretende Pflegedienstleitung.
Ist es wirklich von Vorteil Bettgitter hochzustellen oder Bremsen des Rollstuhls festzusetzen? Oder sind diese zum Schutz gedachten und routinierten Maßnahmen eher förderlich für Stürze, Unruhe und Unsicherheit seitens der Bewohner?

Nach den Schulungen fand ein merkbares Umdenken in der Einrichtung statt! Drei Mitarbeiter wurden weitergebildet zu FEM Beauftragten und unterstützen bis heute regelmäßig die Mitarbeiter mit Beratungen zum Unterlassen von FEM oder eventuellen Alternativen im Alltag. So werden Bettgitter grundsätzlich nur noch mit Einverständnis des orientierten Bewohners in Zusammenhang mit einer ausführlichen Beratung hochgestellt oder mit einem richterlichen Beschluss. Gurte und sonstige FEM, wie Vorstecktische, Bremsen oder ähnliche, werden versucht, komplett zu unterlassen.

Dabei steht die Beratung der Angehörigen häufig im Mittelpunkt der Arbeit von den FEM Beauftragten!
„Während bei Mitarbeitern der Alltag ohne FEM in Fleisch und Blut übergegangen ist, sind es oft die Angehörigen, die darauf bestehen, Bettgitter hochzuziehen, damit der Vater oder die Mutter nicht aus dem Bett fallen“, weiß Christine Ochmann, eine der FEM Beauftragten der Einrichtung. Das Konzept zur Vermeidung von FEM und viel Überzeugungsarbeit ist dann nötig, um den Angehörigen zu erklären, dass Bettgitter keine Stürze vermeiden und sie auch nicht ohne weiteres darüber entscheiden können, die Freiheit ihrer Eltern zu beschränken.

„Wir haben es geschafft, durch die Schulungen der Mitarbeiter, mit unserem Umdenken und mit viel Beratungsarbeit die FEM in unserer Einrichtung um 30 Prozent zu senken“, berichtet Christine Bischoff, Geschäftsführerin der Einrichtung, stolz. Die Erfahrungen der drei Jahre zeigen, dass durch die Vermeidung von FEM im Alltag der Pflege und Betreuung die Anzahl der Stürze keineswegs zugenommen hat und dass mittlerweile nur noch zwei richterliche Beschlüsse für FEM bei 140 Bewohnern eingeholt werden müssen. Für alle anderen Situationen haben die Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit den FEM Beauftragten Lösungen gefunden, die nicht freiheitsentziehend wirken. Einige Bewohner bestehen, nach einer Beratung zur Vermeidung von Bettgittern, selbst darauf, diese für sich anzuwenden.

Die St. Anna-Stift gGmbH Bochum ist auf dem Weg bei 140 Bewohnern insgesamt unter zehn Prozent FEM vorzuweisen und möchte alle Pflegeeinrichtungen zum Umdenken in diesem Bereich motivieren, um Bewohnern ein selbstbestimmtes Leben gewähren zu können!

Informationen zum Thema „FEM – Mehr Freiheit wagen!“ finden Sie unter www.leitlinie-fem.de

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